Sunday, March 6, 2011

Die Stumme und die Blinde.

Gestern hab ich zum ersten Mal seit über einem halben Jahr meine ehemals beste Freundin wiedergetroffen.
"Ehemals beste" deswegen, weil wir uns vor einigen Jahren ziemlich... entfremdet haben, kann man so sagen. Sie war im Ausland, und als sie wiederkam, funktioniert es einfach nicht mehr.

Trotzdem - unter anderem weil sie immer wieder den Kontakt zu uns sucht (manchmal kommt es mir eher vor dass sie nur meinen Freund einlädt als "uns") sehen wir uns ab und an. Sie macht eine Schauspielausbildung, und seit sie diese macht hat sie sich immer mehr verändert. Ich wusste lange nicht, was ich von alledem halten soll. Einerseits war ich froh, dass sie glücklich war - auch ohne mich - und dass sie etwas gefunden hatte was ihr Spaß machte. Andererseits war ich skeptisch, ob es funktionieren würde, so wie sie sich das vorstellt. ich machte mir Sorgen.
Aber schließlich erreichte ich einen Punkt, andem es mich nicht weiter kümmerte. Mir kam es so vor, als würde sie so mit sich selbst und ihrem Leben beschäftigt sein, dass sie mich sowieso nicht bemerkt. Wozu sollte ich mich also noch mit ihr treffen, oder besser gesagt - mitgehen, wenn mein Freund sich mit ihr trifft?

Gestern dann hatte sie uns zu einem ihrer Theaterstücke eingeladen.
Es ging dabei wohl, soviel wusste ich schon im Vorhinein, um Vergangenheitsbewältigung. Monolge auf der Bühne also. Zuerst dachte ich ja, sie würde vielleicht etwas über mich sagen. Immerhin hatte sie mich auch auf facebook dazu eingeladen. Auch wenn sie mich nicht angerufen hat, sondern wieder mal nur meinen Freund, schien es diesmal doch so, als wäre es ihr sehr wichtig dass ich mitkomme. Und da fragte ich mich, ob sie mir damit etwas sagen will?

Ich war gespannt, und innerlich aufgewühlt. Nicht nur du hast dich verändert, dachte ich. Ich war aber darauf gefasst Vorwürfe zu hören à la "Ich habe mich verändert, und keiner hat mich unterstützt."


Aber was ich dann an diesem Abend zu hören bekam, war tausendmal schlimmer als alles was ich mir je hätte ausmalen können.

Ich möchte jetzt hier nicht näher darauf eingehen, da ich das Privatleben anderer Leute, schon gar nicht ihres, auf meinem Blog breittreten will.
Auch schwebt da immer noch die Frage im Raum, wieviel von den ganzen Vorwürfen, Anklagen und dem Lamento jenes Abends auch wirklich der Wahrheit entspricht. Damit will ich den Schauspielern, die sich kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben, nicht ankreiden dass sie mutwillig lügen. Aber ich und mein Freund kamen nicht umhin uns zu fragen, wie wahrscheinlich es denn, rein statistisch betrachtet, ist, dass von 12 Leuten alle 12 eine dermaßen beschissene Vergangenheit hinter sich haben. Und auch die Tatsache dass dies von den Schauspielern immer an bestimmten Personen festgemacht wurde, lässt Zweifel in mir aufkommen. Wie die Kursleiterin des Schauspielkurses meinte: Es war ein langer Weg und eine menge Arbeit, die "Unwahrheiten" in den Geschichten der Personen wegzumeißeln, und die Wahrheit zu sehen.

Frage: Wenn man lange genug an meiner Vergangenheit rummeißelt, was käme denn dann zum Vorschein?
Frage 2: Inwiefern hat die Person, die da "meißelt" Kontrolle über das, was am Ende dabei herauskommt?
Ist es Zufall oder Schicksal, dass genau diese 12 sich so gefunden haben?
Wahrheit muss man spüren, wurde gesagt, und wenn man eine Wahrheit spürt und eine Lüge lebt, wird man verrückt. Trotzdem, sage ich, bleibt das was man spürt immer nur die eigene Wahrheit.

Zurück zum eigentlichen Thema. Unabhängig davon, dass vieles was ich an jenem Abend gehört habe, nicht immer unbedingt glaubwürdig klang und einiges davon wirklich hypertrophiert erschien, erklärte dass, was meine Freundin dort auf der Bühne erzählte, vieles, was zwischen uns passiert war.

Erst nach und nach wurde mir klar, dass es nun, aus dieser Sicht, mit diesem Hintergrundwissen betrachtet, alles einen Sinn ergab. 
Dass sie mich nicht hasste, als sie aus dem Ausland zurückkam, weil ich schlechter war als ihre Freunde die sie dort gehabt hatte. Dass sie ihre Haare jetzt so anders trug. Dass sie ihren Namen so sehr verabscheut, dass sie nicht mehr damit angesprochen werden möchte.


Was mir am meisten wehtat, war die Tatsache, dass ich es nicht gesehen hatte. Dass ich wirklich blind war, all die Jahre. Und sie war stumm, konnte nicht darüber reden was los war.
Und so begegneten wir einander, nach den 12 Monaten räumlicher Distanz, und konnten auf einmal nicht mehr kommunizieren. Denn was zuvor da war, war für sie in Vergessenheit geraten, überschattet und überlagert von etwas anderem, weil ihr langsam klar wurde, wie es in ihrem Inneren aussah. Sie bemerkte, dass sie sich selbst belog, und uns auch. Und ich bemerkte nicht, was mit ihr los war, warum sie sich aus meiner Sicht plötzlich so berändert hatte.

Sie wollte aus den Lügen ausbrechen. Endlich sie selbst sein.

Eine Stumme, die nicht sagen konnte was ihr fehlte, und eine Blinde, die nicht in der Lage war es zu erkennen.
Und als wir gestern Abend nach dem Stück noch gemeinsam in einem Lokal saßen, und darüber redeten, wurde mir so vieles klar.
Ich verstand nun warum sie damals so gehandelt hatte, und warum unsere Freundschaft zerbrach. Es war nicht meine Schuld. Aber auch nicht ihre. Es waren die Umstände die es nicht länger möglich machten.

Aber was mich an alledem trotzdem so verletzt, ist dass ich nichts davon gemerkt habe. Ich hatte gedacht sie zu kennen und ihre Freundin zu sein, doch in Wahrheit war ich das wohl nie. Ich ihr nie so nahe wie ihre Freunde die sie jetzt hat. Sie hat mit mir nie über solche Dinge geredet, immer nur ihr, wie ich nun weiß, falsches Lächeln aufgesetzt und wirkte wie der glücklichste Mensch der Welt.
Ich habe mich blenden lassen und habe ihre Maskerade nicht durchschaut. Und dafür hasse ich mich, weil ich mir so gewünscht hätte, dass wir wahre Freunde sind. Dabei kannte ich sie noch nichtmal wirklich.


Und gleichzeitig bin ich verärgert und fassungslos, weil mir an diesem Abend bei dem langen Gespräch, auch selbst der Spiegel vorgehalten wurde. Mir war ja schon immer klar, dass ich nicht alles von mir presigegeben habe. Auch ihr nicht, als wir schon befreundet haben - auch wenn die Dinge die ich verheimlicht habe, zum Teil ganz anderer Natur waren. Nun sehe ich, wie ähnlich wir uns eigentlich waren - damals. Wie wir beide mit unseren Gedanken und der Welt nicht zurechtkamen, wie das was wir dachten und das was wir fühlten oftmals nicht zusammenpasste - aus unterschiedlichen Gründen.
Wir fühlten das selbe, aber wir waren nicht in der Lage uns selbst im Anderen wiederzuerkennen und zu verstehen.
Vielleicht hätte es einen anderen Ausgang genommen, wenn wir es verstanden hätten.

Es tut weh nach all den Jahren darüber nachzudenken. So vieles was mir damals im Kopf rumspukte, ist längst passé, und meine Ängste wurden durch neue Ängste ersetzt.
In diesem Gespräch mit ihr habe ich erkannt, dass ich aber noch einen langen Weg vor mir habe. Und es ist eine schwierige Entscheidung, diesen Weg zu gehen oder eben nicht.
Einerseits bin ich glücklich wie es ist. Ich würde die Vergangenheit gerne ruhen lassen. Die Dinge so lassen wie sie sind, und meine Erinnerungen wertschätzen so wie sie sind. Und dennoch ist es wahrscheinlich notwendig, dass ich mich eines Tages damit beschäftige, und beginne herauszufinden, was Wahrheit war, und was Lüge.
Es wird ein langer Weg sein, und ich weiß nicht, ob es wert ist, die Erinnerungen aufzugeben, nur um an das Ende dieses Weges zu gelangen.



Wenn man lange genug an der Vergangenheit eines Menschen meißelt, was kommt zum Vorschein?
Wenn man an meinem Leben meißelt - was wären die schrecklichen Lügen, die abgespalten würden, und was wäre die tausendmal schlimmere Wahrheit, die zum Vorschein kommt und überbleibt?

Ich frage mich, ob ich es wirklich wissen will.

8 comments:

  1. Schauspieler sind alle introvertierte, vorspiegelnd extrovertierte Persönlichkeiten, die eine düstere Vergangenheit haben, da gibt es gar keine Ausnahmen :P Es trägt eben nicht jder sein Herz auf der Zunge, und vllt ist das auch besser so. Meine dunklen Geheimnisse muss auch nicht jeder kennen - auch beste Freunde nicht ;3

    grüssli

    PS: Me likz ur filler-pics pretty much *Q*

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  2. Man fängt irgendwie an nachzudenken, wenn man das gelesen hat.
    Ich hatte auch einie "beste Freundinnen" doch was wussten sie von mir? Was wusste ich von ihnen?
    Es is schwer sowas zu erkennen, denke ich.

    Und ich würde die Vergangenheit gern ruhen lassen. Ich bin nicht glücklich damit wie es ist, aber ich muss es hinnehmen. Fakt ist aber einfach, dass ich es nicht so lassen kann, da es mich bis jetzt beeinflusst,

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  3. meine ehemalige beste freundin und ich haben auch zoff, wobei das mittlerweile einseitig ist. ich hab mich bei ihr (mehrmals) entschuldigt doch sie wünscht mir weiterhin die pest an den hals. echt schade.

    ps: dein outfit ist soo hübsch <3

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  4. komisch sowas ähnliches habe ich auch erst hinter mir!
    meine jahrelang vermeintlich "beste freundin" war im ausland und kam wieder und lässt mich seitdem so gut wie liegen und kommt nur wenn sie was braucht und macht auf gute freunde....und von einer anderen habe ich mich total entfernt,so sehr das ich null weiß was ich noch mit ihr machen soll :/
    leider gehört das zum leben dazu >.<

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  5. Schöner Text, regt zum nachdenken an.
    Ich glaube sowas in der Art hat jeder mal durchgemacht, da sgehört leider zum Leben dazu und man muss an solchen Erlebnissen wachsen.
    Auch wenn man oft wieder drüber nachdenkt.

    Was zum vorschein kommt wenn all die Lügen weggemeißelt werden kann ich dir nicht sagen, ich kann nur sagen dass ma sich gut überlegen sollte ob man das möchte.
    Oft helfen die Lügen, die man sich selbst (unbewusst) erzählt, sich über Wasser zuhalten, Hoffnung zuhaben, sich am Riemen zu reißen.
    Ich denke ich würde es einfach davon abhängig machen welchen Nutzen es dir bringt in deiner Vergangenheit rumzuwühlen.
    Wenn es schwerwiegende Probleme gibt, die so tiefreichend sind dass sie dich heute noch behindern, dann würde ich sagen versuchs mal.
    Aus der Vergangenheit kann man viel lernen.
    Aber es stellt sich auch die Frage was ist wahr und was ist unwahrheit?
    Und wer kann sowas erkennen?
    Ein schwieriges Thema ist das.

    LG Mika

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  6. Mir macht der Artikel eher Angst. Meine beste Freundin ist vor n paar Monaten nach Österreich gezogen und ich merk ja jetzt schon, wie wenig wir den Kontakt aufrecht erhalten, wenn sie nicht gerade ma eben wieder hier ist...

    Vielleicht musste es aber auch einfach so kommen? Ich denk manchmal oft, dass alles irgendeinen Sinn hat und es genau SO kommen MUSSTE. Vielleicht will ich mir das aber auch immer nur selbst einreden. Keine Ahnung.

    Ich steh auf deine Schuhe. Wenn ich mal wieder wniger fette Waden hab, pack ich meine auch wieder aus :D

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  7. Ach, so gings oder gehts mir auch in letzter Zeit. Nach der Schulzeit sind alle umgezogen, teilweise sogar richtig weit weg und erst da habe ich gemerkt, wie schwer es ist den Kontakt zu einer Person aufrecht zu erhalten und wie wenig ich doch über manche meiner "besten Freunde" wusste: man hat plötzlich gar keine gemeinsamen themen mehr & zusätzlich verändern sich die Leute auch noch...ich wollte es erstmal nicht wahrhaben, schließlich kennt man die person schon sooo lange (15 Jahre!!!) wie kann man dann so plötzlich auseinander gehen? aber inzwischen habe ich eingesehen, dass manche freundschaften wohl nur für einen bestimmten lebensabschnitt gedacht waren, leider... (oje, wie sich das alles anhört^^)

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  8. @blorg: oder extrovertierte Personen die vorgeben ach so schüchtern zu sein oder whatever D: zumindest hab ich diesen eindruck manchmal. Und die düstere vergangenheit - joa, da scheint es wirklich keine Ausnahmen zu geben. Faszinierende statistische Ausnahme, könnte man meinen. *hust*

    @Rumi: Ja, ich hatte bei den meisten meiner "Freundinnen" nach der Schule das problem, dass wir feststellten dass wir eigentlich null gemeinsam haben und uns nicht wirklich kennen... nur bei meiner ehemals besten Freundin hatte ich immer gedacht, dass wir wirklich "auf einer Wellenlänge" sind, umso mehr hat es mich getroffen dass die Freundschaft irgendwann kaputt ging. Was die Vergangenheit betrifft - ich denke das war meine haupterkenntnis des Abends. Man muss für sich selbst die Entscheidung treffen, ob das Rumwühlen in der vergangenheit den Schmerz, den es vllt verursachen würde, wert ist.

    @Spring: Okay, das ist wohl ein sonderfall... wahrscheinlich hat sich deine Freundin im Ausland stark verändert, und so wie sich das anhört nutzt sie dich nur noch aus. Das ist schade... aber du solltest es dir nicht gefallen lassen!! Ja, manchmal lebt man sich eben auseinander...

    @Mika: Das sehe ich genauso. ich denke bis zu einem gewissen grad möchte ich mich schon mit einigen Dingen auseinandersetzen, da sie mein Leben einfach zu stark beeinflussen (zum negativen). Aber ich würde nie, NIE damit zu einer Schauspiel-Lehrerin gehen, die dann "den meißel" in die hand nimmt und an meiner vergangenheit solange rumhämmert bis etwas möglichst dramatisches rauskommt... (auch wenn das jetzt übertrieben ist, aber einem kritischen menschen kam der Theaterabend einfach so vor. Und ich glaube mein Freund und ich waren die einzigen kritischen menschen in diesem Raum <_<)

    @TKindchen: Eine andere Freundin von mir war auch im Ausland, und als sie wiederkam, hatte sich eigentlich nichts verändert :) Auch wenn wir nur ab und an E-Mails schrieben - als sie wieder da war, war es fast so wie davor, was mich persönlich betrifft hab ich mich sogar noch besser mit ihr verstanden. Aber es stimmt schon, manchmal kommt es im Leben nunmal so - und Freundschaften zerbrechen. Aber vielleicht gibt sich das ja, sobald sie sich richtig eingelebt hat. Ich denke früher oder später wird sie auch Heimweh bekommen (Anfangs ist ja noch alles neu und lenkt von sowas ab, wenn man im Ausland ist)...

    @eleonora: Während der Schulzeit ergibt sich das "gemeinsame Thema" einfach von selbst - nämlich die Schule und der Schulalltag. man sieht sich täglich, und weiß über alles bescheid und hat immer ein Thema zu reden (und seien es nur gemeinsame Freifächer oder so). Ich habe die selbe Feststellung gemacht, als ich mit der Schule fertig war ._. Sowas ist schade... aber ich verstehe mich immer noch gut mit den Leuten, wenn ich sie mal sehe - nur ist das viel, viel seltener geworden und ich weiß auch viel weniger über sie...

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