Friday, May 4, 2012

"Gut gemacht. Du asozialer Vollidiot!"

Fiktives Gespräch, zwischen mir und meinem 16-jährigen Ich.

Als ich mich umdrehe, steht sie plötzlich da, und sie sieht wütend aus. Verdammt wütend.
"Was machst du denn hier?" frage ich. 
"Das sollte ich wohl eher dich fragen. Was zur Hölle! Was ist los mit dir? Schau dich mal an. Was ist aus dir geworden?"
"..."
"Ich meine, hallo?! Was ist mit unseren Träumen, unseren Wünschen? Unserer Fantasie? Wo ist die abgeblieben? Benutzt du sie überhaupt noch oder ist dein Hirn im Leerlauf?"
"..."
Sie blickt sich um. "Wo verdammt noch mal ist unsere Gitarre?!" 
"Bei unseren Eltern..."
"Wie.... nicht dein Ernst, oder? Wir haben sie uns so sehnlich gewünscht, und dann nicht nur eine sondern gleich zwei bekommen, und du... sag nicht dass wir..." 
"...nur ein paar Akkorde..." 
"Warum?"
"Weil ich... nicht konnte."
"Was für eine faule Ausrede."
"Na und? Es gibt genug andere Dinge... gab genug andere Dinge um die ich mich - wir uns - kümmern mussten..."
"Sicherlich... sag mir eines, bist du glücklich?"
"Glücklich?" Ich lache auf. "Sehe ich denn so aus? Nein, ich bin es nicht, oder nur phasenweise. Aber ich kämpfe darum, dass ich es werde. Das ist mehr als DU damals geschafft hättest. Du hattest doch einfach nur Glück." 
"Glück? Hä?"
"Sieh dich an... du hast alles was du willst. Du bist zufrieden. Du bist gut in der Schule. Du hast Freunde mit denen du Spaß hast. Gibt es etwas das du jetzt gerade möchtest und nicht haben kannst? Nein. Du hast alles."
"Was ist denn leicht aus unseren Freunden geworden?" 
"...du hast es noch nicht gemerkt, aber du wirst bald erkennen.... dass dich mit einigen nur die Tatsache verbindet, dass ihr an der selben Schule seid und nicht mehr. Du wirst bald erkennen, dass ihr nichts mehr zu reden habt."
Sie schaut mich ungläubig an. 
"Was ist mit-"
"Nein, keine Sorge. Wir sind noch zusammen. Wir hatten unsere Differenzen, aber wir haben es durchgestanden. Überrascht dich das?"
"Ich habe mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken darüber gemacht. Wie es in der Zukunft sein wird."
Ich lache schon wieder. Ich klinge so abgebrüht, wie ich da vor mir stehe und mir Vorwürfe mache, mein 16-jähriges ich - so tough war ich doch sonst auch nur selten? - und doch bin ich nur so unfassbar naiv. 
"In Zukunft wirst du dir öfter Gedanken um deine Zukunft machen. Sie werden dir den Schlaf rauben. Genieße es, solange du noch kannst. Es ist nicht mehr lange hin."
"Und warum? Warum haben wir es nicht auf die Reihe bekommen, so wie wir es uns erträumt hatten?"
"Plan A hat sich als Fehlgriff herausgestellt... Plan B wurde durch dumme Zufälle vereitelt.... aber vielleicht war es da auch einfach schon zu spät. Wenn ich dir sage dass der Moment kommen wird, an dem du dich in den Spiegel schaust, und ihn zerschlagen willst, glaubst du mir dann?"
Jetzt schweigt sie. Sie denkt nach. Sie ist sichtlich verwirrt, denn sie kann es sich sehr wohl vorstellen, tief in ihrem Innersten, denn das Gefühl ist da, schon jetzt, aber es ist nur ein kleiner Keim, wachsend aus der Saat der Verzweiflung und seelischen Misshandlung, jahrelang genährt von Hass und Unverständnis. Bald wird sie es sein, die den Keim selbst nährt, mit ihrem eigenen Hass, dem Hass auf sich selbst.
"Warum haben wir keine neuen Freunde gefunden?"
"Wir haben welche gefunden... und einige wieder verloren. Wir... haben nur wenige, die uns so akzeptieren wie wir uns geben, und noch weniger, die uns so akzeptieren können wie wir sind. Aber von denen an die du jetzt denkst, ist keiner darunter."
Sie hebt den Blick. Sie wirkt traurig, enttäuscht. "Warum?"
"Menschen verändern sich", ich zucke mit den Schultern als ich das sage. "Wir sind da keine Ausnahme."
"Das weiß ich schon... aber ich dachte wir verändern uns... eher zum positiven hin.". Sie wirkt etwas ratlos.
"Oh, es ist ja nicht alles nur negativ. Du hättest uns mit 18, 19 sehen sollen. Da ging es uns dreckig. Und wir haben uns wie ein Arschloch erster Güte verhalten. Und wir haben ihm ziemlich wehgetan. Und uns selbst." erzähle ich. "Aber auch das ist überstanden."
"Sonst noch irgendwas positives...?" fragte sie vorsichtig.
Ich nicke. "Wir heulen nicht mehr so viel wie früher. Zeigen die Tränen nur noch einem Menschen, dem der sie ernst nimmt. Wir haben eine recht gute Menschenkenntnis entwickelt. Und wir haben gelernt, uns zu verstellen, so gut dass kaum noch jemand weiß, wie wir wirklich sind."
"Und das ist was positives?!"
"Ja. Denn wie es in uns aussieht, dass ist niemandem zuzumuten."
Jetzt wird sie plötzlich wieder wütend.
"Du... du.... du bist so dumm! 5 Jahre später und du bist einfach nur dumm! Hast du vergessen, alles vergessen was wir wollten, wovon wir geträumt hatten?"
"Träume sind meist leider unrealistisch. Unsere waren es. Sei doch froh, wir haben einen Weg gefunden, auf dem wir uns selbst treu bleiben können!"
"So ein Schwachsinn! Das glaubst du doch bitte selbst nicht! Du hast mich verraten... all das woran wir geglaubt haben... was wir uns gewünscht haben..."
"...war naiv. Einfach nur naiv."
"Halt den Mund! NICHTS von alledem was du dir vorgenommen hast hast du geschafft! Oh, ich wünschte ich könnte dir-"
"Das stimmt nicht. Denk an Finnland. Im Herbst geht es los. 5 Monate."
Sie hält kurz Inne.
"Ganz toll. Gut gemacht, du asozialer Vollidiot. Hat ja nur 5 Jahre gedauert. Bedeutet ja nur dass du den Kerl den wir lieben und der uns ALLES auf der Welt bedeutet, alleine hier zurücklässt!"
Ihre Wut irritiert mich. Ich habe doch wirklich nicht alles falsch gemacht. Es gibt doch auch Dinge, wo ich ganz gut.... oder? Ich merke, wie sehr mich ihre Worte verletzen, und senke den Blick. Wir sind uns wirklich nicht mehr sehr ähnlich.

"Ich hätte nicht gedacht... dass ich mir jemals so sehr wüschen würde, einige Entscheidungen in meinem Leben rückgängig zu machen wie jetzt. Eine Zeit lang dachte ich, ich könnte mit allem leben. Doch dann habe ich eines Nachts geträumt, ich wäre wieder 17 und stünde kurz vor meiner Matura. Alles noch vor mir. Keine falschen Entscheidungen getroffen, alle Wege stehen mir frei, aber es ist ein Spiel mit offenem Blatt, denn ich weiß genau, welche Wege ich nicht nehmen will, da ich die Erinnerungen daran noch habe. Ich wünschte... ich wünschte ich könnte dir all das sagen. Dir sagen, was du besser machen sollst. Wann du deine Klappe halten sollst, wann du deinen Mund aufmachen und widersprechen sollst. Wann du aufstehen und dich wehren sollst, und wann es besser ist mit dem Strom zu schwimmen. Aber das geht leider nicht. Genauso wenig wie ich dir sagen kann, was du tun solltest, brauche ich jedoch auch dich nicht, um einzusehen, was ich alles falsch gemacht habe."
Als ich meinen Kopf wieder hebe, ist sie verschwunden. Zurück in der Vergangenheit, wo sie in den nächsten 5 Jahren ihres Lebens einen Haufen saudummer Dinge sagen und tun wird, in denen sie Freundschaften knüpfen und verlieren wird, in denen sie enttäuscht wird und wieder aufgebaut wird, in denen sie an sich selbst zweifelt und trotzdem an die Zukunft glauben muss um weiterzumachen.
Ich bin nur froh, dass sie diese Zukunft gerade nicht sehen kann, denn sonst hätte sie vielleicht schon viel früher aufgegeben.

17 comments:

  1. Wirklich schöner Post. Sehr interessant, mitreißend und rührend geschrieben <3

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  2. Wow, das hast du toll geschrieben! So ein ähnliches Gespräch würde ich wohl auch mit mir führen. Vielleicht schreib ich es auch mal auf, so für mich selbst :)
    Mit 16-17 hat man echt noch andere Vorstellungen von der Welt und sieht seine Träume viel näher vor sich. Ich finde es so schlimm wenn man dann hinterher merkt, das alles nicht so geht wie man es sich erträumt hat...

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  3. Toller Text, ich finde es wirklich super geschrieben! Auf diese tolle Idee (oder wie darf man dem sagen...) würde niemand kommen. Echt toll <3

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  4. Auch wenns mir fast peinlich ist das zuzugeben: ich hätte grade fast geweint! Das ist wirklich toll geschrieben! <3

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  5. Einfach toll, wirklich <3

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  6. oh, das ist eine echt gute idee, einen text in der art zu formulieren.. hat mich echt gefesselt zum nachdenken angeregt..

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  7. Ein echt aufwühlender Post - jetzt hab ich richtige Herzschmerzen :-S Fühl dich erstmal ganz fest gedrückt!! Ich denke dein 16 jähriges Ich war wirklich einfach nur unerfahren und naiv - nur ohne Sorgen kann man auch Träumen. Wer weis schon mit 16 was auf einen alles zukommt? Wer denkt an Arbeit, Geld und Steuern? Anträge einreichen, Fragebögen ausfüllen... all das ist langweilig und nicht eingeplant - aber leider notwendig. Nur die wenigsten können genau das umsetzen, was sie sich auch fest gewünscht haben. Manchmal folgt die Umsetzung auch erst mit 40... Mit jedem Weg dem man im Leben einschlägt, versiegt ein anderer - aber zu jedem Ziel, gibt es meist auch noch eine Umleitung...

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  8. was für ein wunderschöner text, echt ergreifend und regt zum nachdenken an <3

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  9. finde ich wirklich sehr schön geschrieben. traurig, aber schön..

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  10. Wirklich wunderschön geschrieben (:
    Sowas ähnliches hatte ich auch mal formuliert :

    http://second-bullet.blogspot.de/2012/03/socially-brainwashed-part-1.html

    Ich weiß nicht warum, aber diese Gedankengänge machen im Endeffekt fast immer ein wenig melancholisch und ich glaube das ist bei den Meisten so. Aber ich bin gerne melancholisch. Ich finde es ist anders als einfach nur Traurig zu sein. Die Erinnerung, dass es Zeiten gab die einfacher waren und in denen das Leben aus der heutigen Sicht fast perfekt scheint macht mich auf eine seltsame Weise glücklich.

    LG

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  11. schöner text wo sich auch fast jeder angesprochen fühlt

    ps: ich glaub es ist untergegangen weil ich ja nich mal selbst mehr weiß unter welchem deiner posts ich´s geschrieben hatte aber ich hab dich getaggt und wenn du magst, dann mitmachen :)

    Viele Grüße

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  12. ein sehr interessanter post, und auch traurig und ergreifend.
    mit 16 hat man noch ganz andere träume.
    manchmal würde ich auch gern mal mit meinem 16 jährigen ich reden, ich glaube aber das es mich so wie ich jetzt bin nicht erkennen wird.

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  13. Woah, ich liebe solche Posts. Wahnsinnig traurig und interessant...
    Ich finde vorallem das Bild oben hübsch, hihi.
    Ich glaube, jeder würde gern seinem Vergangenheits-Ich etwas sagen wollen... ._.~

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  14. Wirklich sehr sehr schön geschrieben! Ich kann mich darin auch sehr gut wieder entdecken, mich quälen solche Gefühle auch ganz gerne.
    Mein Wundermittel dagegen ist Wohnung auf- und umräumen und alles umsortieren. Dann hab ich wieder Lust auf morgen :'D

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  15. Wow, vielen Dank für eure ganzen lieben Kommentare! Hätte nicht gedacht dass das überhaupt so viele Leute lesen. Danke!

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  16. Ziemlich traurig. Aber gerade diese Vergangenheit macht dein jetziges Ich aus. Wir kommen alle nicht ohne blaue Flecken durch unser Leben. Bei den einen sind es mehr, bei den anderen weniger. Aber solange wir sie überleben, machen sie uns nur stärker. Das hoffe ich jedenfalls. Aus dem Grund wüsste ich nichts, was ich meinem 16-jährigen Ich sagen sollte. :-)

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